Spazierendenken

Alleine auf Wanderschaft

„Einsamkeit auf dem Jakobsweg“, mein Gastbeitrag für Peter Kirchmanns Jakobsweg-Lebensweg Blog.

Vorschau von meinem Gastbeitrag für Jakobsweg-Lebensweg
von Peter Kirchmann

Dieser Beitrag hätte von meiner Erfahrung mit Einsamkeit auf dem Camino del Norte, dem sogenannten « Küstenweg », handeln können. Es wäre meine zweite Wallfahrt gewesen. Ich wäre am 1. April 2020 von Bayonne, Frankreich, gestartet. Mitte März 2020 wurden jedoch innereuropäische Grenzen geschlossen und Pilgern wurde – vermutlich zum ersten Mal überhaupt – weltweit untersagt. Unwissend verbreiteten Reisende SRAS-Covid-19 und die Menschheit kam zur Erkenntnis, dass sie den für viele tödlichen Virus nicht mit herkömmlichen Mitteln aufhalten konnte. Wir mussten alle für ein paar Monaten zu Hause bleiben.

Zu dem Zeitpunkt stand die Frage im Raum, wo ich mein Nest nun bauen sollte, um mir ein solches „zu Hause“ einzurichten. Sie war auf meiner mentalen Hausaufgabenliste für den Camino.
Wie viele andere war ich auf „dem Weg“, um Klarheit über einiges in meinem Leben zu schaffen. In meinem Fall hieß es sogar: „Midlife-Crisis“. Ich hatte Job, Wohnung, Freundeskreis und Familie fürs Erste hinter mich gebracht, um Zeit und Raum für mich allein zu schaffen. In der Hoffnung bzw. mit der Gewissheit, dass Einsamkeit für mich jetzt der beste Weg wäre, um zurück zu mir selbst zu finden. Ich fühlte, dass ich mich verfahren hatte und es für mich Zeit wurde, von dieser Route abzuweichen und eine andere Richtung einzuschlagen.

Im Herbst 2019 lief ich den portugiesischen Küstenweg – von Porto aus – und weiter bis Muxía über das Kap Finisterre. Ich fand die Erfahrung absolut wunderbar. Jedoch war die Strecke etwas „zu voll“ für mein Empfinden. Ich lief zwar insgesamt über 450km in vier Wochen, kam trotz alledem mit dem Gefühl zurück, dass ich zu wenig „Zeit für mich“ gehabt hatte. Ich war auf dem Camino Portugués da Costa kaum alleine gewesen und hatte die Einsamkeit sehr vermisst, die ich mir dabei gewünscht hatte. 

Ich wollte also weiterlaufen. Auf einer weniger belaufenen Strecke.

Es wurde auf dieser für mich ersten „Teststrecke“ nie körperlich sehr anstrengend, darum konnte ich mir eine neue Wanderstrecke aussuchen, die als anspruchsvoll und vergleichsweise sportlich galt: den Camino del Norte. 850km, Berge, wenige Unterkünfte. Darum auch wenige Leute. Es klang perfekt.

Diese Entscheidung hätte ich paradoxerweise nicht so treffen können, wenn ich nicht mit vielen Mitpilger*innen unterwegs gesprochen hätte, die mir von anderen Routen erzählen konnten. Außerdem traf ich unterwegs im Gespräch mit anderen eine weitere Entscheidung, die sich als unerwartet folgenschwer entpuppen würde: Ich würde einen Spanischkurs in Spanien besuchen. Und zwar in Málaga in Andalusien. Wie es dazu kam und warum wurde es „folgenschwer“? Es ist eine etwas längere Geschichte; ich bemühe mich jetzt, mich jedoch kurz zu fassen.

Zunächst zum Spanischkurs: Als Französischmuttersprachlerin mit gewissem Sprachtalent sollte es mir leicht fallen, Spanisch zu lernen; beide Sprachen sind sich relativ ähnlich. Spanisch ist außerdem eine Weltsprache, also nützlich. Und sie ist „die Muttersprache“ meiner biologischen Großeltern mütterlicherseits. Meine Großmutter wurde sogar in der Nähe von Málaga geboren. Jedoch hatte ich bis dahin kein Spanisch gelernt, was mich hin und wieder irritierte.
Als ich eine Tagesetappe des Camino Portugués mit einem Spanier aus Málaga teilte und ihm es so erzählte, machte es bei mir „Klick“: Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt im Sabbatjahr ohne nennenswerte Verpflichtungen und hatte bislang keine weiteren Pläne nach diesem Jakobsweg, ich könnte also dieses gefühlte Manko direkt im Anschluss beheben! 

Anderes sprach noch für Málaga, wenn schon Spanien: Die Stadt hatte einen guten Eindruck bei mir hinterlassen, als ich an Flamenco-Workshops im Umland teilgenommen hatte. Zeit an der Küste würde mir zudem gut tun, wie es in der Vergangenheit schon immer der Fall gewesen war. Außerdem kannte ich zufällig ein paar Leute in Málaga schon.
Dass der sympathische spanische Pilger auch aus Málaga kam, fand ich ein interessanter Zufall. 

Málaga sollte es also werden.

Mein Plan lautete nun: Anfang März 2020 zwei Wochen Spanisch-Intensivkurs in Málaga, gefolgt von einer Woche Stadterkundung und Spanischübung „in freier Wildbahn“. Dann sollte ich ein paar Tage bei meiner Familie in Frankreich verbringen, wo ich unter anderem meinen brandneuen Wanderrucksack mit meinem Jakobswegkram hinterlassen hatte und von dort nach Bayonne für meinen zweiten Camino-Start weiterfahren sollte.

Ich setzte diesen Plan zumindest bis Málaga um. In der zweiten Unterrichtswoche vor Ort hieß es aber: die Covid-19-Grippenepidemie war außer Kontrolle geraten. Einige internationalen Flüge wurden schon gestrichen und die innereuropäischen Grenzen drohten zu schließlich. Mir wurde klar, dass ich anschließend nicht auf dem Jakobsweg wandern könnte und mich bald entscheiden sollte, wo ich bleiben wollte, bis die pandemische Situation mir erlauben sollte, mich wieder frei zu bewegen. Sollte ich versuchen, früher als geplant zu meiner Familie nach Frankreich zu fliegen? Sollte ich in Spanien bleiben? Nach Hause in Berlin konnte ich nicht zurück, weil meine Wohnung untervermietet war und ich meine Wohnungsschlüssel sowieso bei meinen Eltern in Frankreich gelassen hatte.

Aufgrund der nun offenkundigen Infektionsgefahr lief ich die fünf Kilometer von der Wohnung meiner Gastfamilie während des Kurses zu meiner nächsten Unterkunft im Zentrum zu Fuß, anstatt mit dem ÖPNV zu fahren. Ich war nicht mit Wander-, sondern mit Straßenrucksack und Rollkoffer unterwegs. Einen Terz habe ich auf dem Standpromenadenpflaster mit dem Koffer gemacht! 

Die Stimmung in der Stadt wurde schlagartig merkwürdig. Während meines Umzugs konnte ich beobachten, wie die Polizei zu den beliebten Freiluftsportanlagen entlang der Küste fuhr, um die Freizeitssportler*innen davon wegzuscheuchen. Denn ab dem Tag sollten diese Plätze abgesperrt werden. 

Als ich in die Stadtwohnung ankam, die ich eigentlich nur für eine Woche gebucht hatte, fühlte ich mich sofort wohl. Und überlegte, ob es nicht besser für mich und mein Umfeld wäre, mich dort zu verkriechen, wenn die Grenzen schließen sollten und ich also bald nicht mehr wegkommen könnte. So würde ich niemanden anstecken, falls ich von Sprachschüler*innen etwas abbekommen hätte. „In der Bude könnte ich es aushalten“, dachte ich mir.

Ich ging also gleich soviel Lebensmittel einkaufen, wie ich tragen konnte, und sperrte mich in die Wohnung ein, während Spanien und die ganze Welt Schritt für Schritt auch dicht machte.

Die ersten drei Wochen habe ich mich regelrecht versteckt. Ich habe den Kontakt selbst zu den Hofnachbarn, die immer wieder auf dem Hof auf Distanz untereinander plauderten, vermieden.

Im Endeffekt ist bei diesem ungeplanten „Camino en casa“ für mich nichts schief gelaufen. Die örtlichen Maßnahmen waren nachvollziehbar und wirkten angemessen. Ich war gut – online – vernetzt und wurde von den Nachbarn immer mal unterstützt. Ich blieb zuversichtlich. Ich hatte sogar in den ersten Wochen ohne direkten Kontakt nach draußen einen großen Schub Motivation, um über meine berufliche Zukunft nachzudenken bzw. daran fokussiert zu arbeiten: ich konnte sowieso kaum etwas anderes tun. Fast alles hatte geschlossen und selbst spazieren gehen war verboten. In der Wohnung war wenig Ablenkung für mich.

Ich habe durch diese „Zwangspause“ tatsächlich viel Fortschritt gemacht, den ich mir für die Jakobsweg-Wanderung gewünscht hätte: Ich wusste, wo ich nun bleiben wollte und hatte eine Idee davon entwickelt, wie ich in der nahen Zukunft arbeiten wollen würde. Ich wollte auch länger nah an meinen Wurzeln verharren und mehr darüber entdecken, was meine Identität ausmachte, woher ich kam und wer ich also war.

Dabei war ich nicht einsam. Ich hatte noch nie soviel Kontakt zu meiner Familie (auch wenn nur über das Telefon und Internet) und sorgte dafür, mit guten Freund*innen virtuell auch in Kontakt zu bleiben. Und: zum ersten Mal in meinem Leben baute ich eine enge Beziehung zu meinen Hausnachbar*innen auf. Es ging sogar von mir aus, dass wir in Zeiten vom Corona-Virus eine kleine Gemeinschaft bildeten: davor hatten sie wohl nur ab und zu einen Plausch im Hausflur, nach meiner selbstverordneten Quarantäne führte ich einen wöchentlichen Umtrunk unter „Corona-Nachbar*innen“ ein. Anfangs konnte ich nicht viel an den Diskussionen teilnehmen, jedoch war das Gefühl schön, in physikalischer auch wenn distanzierter Anwesenheit Zeit mit anderen Menschen – also in Person – zu verbringen.
Schlussendlich bin ich ganze vier Monaten in diesem Haus geblieben, bevor ich das Land wieder verlassen durfte. Und weder ich, noch die Nachbar*innen hatten dann Lust darauf, dass ich ging. Am 1. Juli flog ich jedoch „nach Hause“ nach Berlin. Für eine Weile. Schweren Herzens, aber guter Dinge. Und nicht einsam.

Mein mittelfristiger Plan lautet zum Zeitpunkt des Scheibens dieses Beitrags: dort leben, wo ich mich gut entfalten kann, wo ich mich zurückziehen kann, ohne mich alleine zu fühlen, wo ich mich verbunden und umsorgt fühle. Und ich bin gespannt zu entdecken, wohin mein Weg mich noch verschlagen wird.

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